Die Energiewende Saarland e.V. lehnt den Plan der Bundesregierung ab, den Neubau von Erdgaskraftwerken bundesweit über den Bedarf hinaus auszuschreiben. Statt von den Fortschritten der Energietechnik Gebrauch zu machen, kehrt die Regierung in überholte Denkmuster zurück, die in technologische Sackgassen führen und die Energiewende unnötig verzögern. Davon betroffen ist auch der saarländische Standort Ensdorf.

Der Energiekonzern „Engie“ will sich am Standort Ensdorf für ein neues Gaskraftwerk bewerben. Die Energiewende Saarland e.V. bewertet das Vorhaben als teure Fehlinvestition.

Volkswirtschaftlich sinnvoller wären Investitionen in den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien, Speicher, intelligente Netze und weiterer Flexibilitätsoptionen. Diese Alternative wäre kostengünstiger, schneller einsatzbereit und klimaschonender. Dies gilt auch für die Bereitstellung gesicherter Leistung im Fall längerer Dunkelflauten.

Erneuerbare, Flexibilität und Speicher reduzieren Bedarf an Gaskraftwerken

Zur Begründung verweisen wir auf mehrere Gutachten, u.a. auf eine von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) beauftragte Studie von Ralf Herzog „Systemvergleich Neubau Erdgaskraftwerke – EE + Batterie-Speicher“, die deutlich belegt:

  • Der weitere Ausbau von Erneuerbaren Energien, gekoppelt mit den verfügbaren Flexibilitätsoptionen, ist kostengünstiger, schneller netzdienlich verfügbar und bietet höhere Resilienz.
  • Es besteht derzeit keine Notwendigkeit, überstürzt neue Erdgaskraftwerke auszuschreiben, zumal 35,3 GW an Stromerzeugungskapazität auf Erdgasbasis bereits vorhanden sind. Dies entspricht ca. 67 Prozent der durchschnittlichen Netzlast in Höhe von ca. 53 GW. Selbst bei hohen Winterlasten von 70 GW entspricht dies immer noch mehr als 50 Prozent der erforderlichen Leistung (Zahlen der Bundesnetzagentur). Bei Nutzung moderner Technologie könnte durch Lastverschiebung, Speicher und Umbau vorhandener Kapazitäten auf den Neubau großer fossiler Kraftwerke verzichtet werden.

Standort Ensdorf: Fehlinvestition unter dem Deckmantel von „Reserveleistung“

Der Neubau in Ensdorf – selbst mit einer Option auf künftigen Wasserstoffbetrieb – ist eine Mogelpackung. Es wird als Reservekraftwerk deklariert, soll jedoch bis zu 5000 Jahresstunden am Netz sein. Die Dunkelflauten, für die ein Reservekraftwerk hauptsächlich benötigt wird, dauern im Durchschnitt nur 226 Stunden pro Jahr. Weiterhin wird behauptet, das Kraftwerk solle Strom für die Versorgung der saarländischen Stahlindustrie liefern. Die Stahlerzeugung basiert künftig jedoch großenteils auf Erdgas – und perspektivisch auf Wasserstoff. Die beantragte Betriebsdauer passt nur zu einem Kraftwerk, welches zugleich Mittellastaufgaben im Stromnetz übernimmt. Das Argument der Netzreserve ist also vorgeschoben. Ziel der Betreiber ist offensichtlich eine Fortführung der fossilen Stromerzeugung durch die Hintertür und die Vermarktung großer Strommengen auf dem europäischen Strommarkt. Als Abnehmer kommt vor allem Frankreich in Frage, dessen Versorgungssystem auf der Basis nuklearer Großkraftwerke im Sommer an seine Grenzen kommt. Wir lehnen dies ab aus drei Gründen ab:

  • Zum einen sollten wir keinen Beitrag leisten, Stromerzeugung mittels Kernkraft aufrecht zu erhalten.
  • Zum Zweiten sollten wir keine Anlagen mehr finanzieren, die nur in einem System Sinn machen, das aufgrund des technischen Fortschritts obsolet geworden ist.
  • Zum Dritten sollte der Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft schnellstmöglich vollzogen werden. Gaskraftwerke, die an drei von vier Strommärkten mitbieten dürfen, können den Umstieg auf erneuerbare Energien behindern und erhöhen schon aufgrund der geplanten Netzumlage die Strompreise, vor allem, wenn die Alternativen aus verschiedensten Gründen nicht rechtzeitig ans Netz kommen. Der Erfolg der Transformation unserer Energieversorgung hängt demgegenüber von künftig niedrigen Strompreisen ab.

Bereits heute lässt sich der Bedarf an Regelstrom durch bestehende Reservekapazitäten abdecken und künftig durch Netzausbau, Digitalisierung, Biogaskraftwerke, Batteriespeicher, Zubau von EE-Kapazitäten, den europäischen Netzverbund, sowie den Umbau bestehender Kohlekraftwerke auf H2-Betrieb (für den geringen Restbedarf) effizienter lösen.

Stromversorgung der regionalen Industrie gesichert

Befürchtungen hinsichtlich der Energieversorgung heimischer Unternehmen – etwa der Dillinger Hütte – sind unbegründet. Am Strommarkt besteht ein ausreichend großes Stromangebot zur Deckung des künftigen Bedarfs. Benötigte Kapazitäten lassen sich im Bedarfsfall deutlich kostengünstiger und zielgerichteter durch das Übertragungsnetz bereitstellen als durch den Neubau eines fossilen Großkraftwerks vor Ort.

Alternative Netzreserve durch Umbau bestehender Kohlekraftwerke

Kraftwerke in der Netzreserve werden auch künftig unverzichtbar sein, um länger andauernde Netzengpässe zu bewältigen. Um die benötigte Reserveleistung bereitzustellen, sollten jedoch keine neuen Gaskraftwerke errichtet werden! Stattdessen sollten, da ressourcenschonender, bestehende Kohle-Kraftwerksstandorte wie Bexbach oder Quierschied auf Wasserstoffbetrieb umgerüstet und an das neue Wasserstoffnetz angeschlossen werden.

Der Umbau alter Kraftwerksstandorte ist erheblich kostengünstiger, schneller und umweltschonender umzusetzen. Auch besteht die Option auf Anschluss von Wärmenetzen, die aufgrund der Wärmeplanung benachbarter Kommunen denkbar sind. Zudem könnten so viele Arbeitsplätze vor Ort erhalten bleiben.

Zielkonflikt mit den saarländischen Klimazielen

Der Bau und Betrieb eines neuen fossil betriebenen Großkraftwerks steht in direktem Widerspruch zu den Klimazielen des Saarlandes.
Sowohl bei der Errichtung der Anlage als auch im dauerhaften Mittellastbetrieb entstehen durch das Verbrennen von Erdgas erhebliche Mengen CO2. Hinzu kommen die Methanemissionen in der Lieferkette, die vor allem bei Fracking erheblich sind. Da grüner Wasserstoff auf absehbare Zeit nicht kostengünstig zur Verfügung stehen wird, ist mit einer langen klimaschädlichen Betriebsweise zu rechnen. Zudem wird Kühlwasser aus der Saar benötigt, was dort im Sommer zu kritischen Situationen führen kann.

Ursprünglich wurde an diesem Standort die Ansiedlung von Wolfspeed vorbereitet mit dem Versprechen, 1000 Arbeitsplätze zu schaffen. Das geplante Erdgaskraftwerk wird voraussichtlich weniger als 40 Stellen schaffen, wobei gleichzeitig eine viel größere Anzahl von Arbeitsplätzen bei den Steag Kraftwerken in Bexbach und Weiher wegfallen wird. Zugleich blockiert das Vorhaben eine große Ansiedlungsfläche auf Jahrzehnte hinaus. Zudem ist mit geringen Steuereinnahmen zu rechnen, weil die Betreiberfirma ihren Sitz nicht im Saarland hat. Nachhaltige Industrieansiedlungen sehen anders aus.

Fazit Energiewende Saarland e.V.

Statt den Bau neuer Erdgaskraftwerke im Saarland zu unterstützen, sollte die saarländische Landesregierung Investitionen in den beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energien, Speicher, den Rollout intelligenter Netzetechnologie und Verbrauchsflexibilisierung forcieren. Um den schnell voranschreitenden Klimawandel zu bremsen, muss der Ausbau neuer fossil befeuerter Kraftwerke gestoppt werden.

Pressekontakt:
Energiewende Saarland e.V.
Winfried Anslinger, Peter Wünsch
Telefon: 06841 120192 oder 0163 – 2341580
E-Mail: energiewende-saar@anslinger.de