Der Vorstand Energiewende Saarland e.V. und das AntiAtomNetz Trier haben eine Zusammenarbeit verabredet. Aktuelles Thema ist eine Kampagne gegen die Laufzeitverlängerung des französischen Atomkraftwerks Cattenom. Markus Pflüger vom AntiAtomnNetz erklärt im Interview, warum ein Weiterbetrieb von Cattenom gefährlich und inakzeptabel ist.

Markus, wie laufen die Prüfungen eines Atomkraftwerks ab?
Markus Pflüger: Zuerst wurde die AKW-Baureihe geprüft. Dabei wurden viele Mängel festgestellt, trotzdem gab es 2025 für diesen Reaktortyp grünes Licht. Bei dieser sogenannten generischen Prüfung – also des Baureihentyps, aus der auch die Reaktoren von Cattenom sind – wurden trotzdem massive, fundierte Zweifel an der Sicherheit dieser Baureihe belegt. Die französische Atomaufsichtsbehörde (ASNR) stellte fest, dass es keinen Schutz vor Flugzeugabstürzen gibt, dafür aber Materialermüdung und Spannungsrisse. Verrückterweise sollen die sicherheitsrelevanten Nachrüstungen erst bis zu sechs Jahre nach der Wiederinbetriebnahme erfolgen. Ich verstehe es nicht. Stellt Euch vor, ein Auto hat keine funktionierenden Bremsen und der TÜV sagt: Wir reparieren das die nächsten Jahre, aber jetzt fahr erst mal weiter. Cattenom weiter zu betreiben ist aus meiner Sicht grob fahrlässig.

Das heißt der Weiterbetrieb von Cattenom wurde trotz erheblicher Mängel genehmigt?
Nein, nur die Baureihe hat grünes Licht bekommen. Es steht noch eine standortspezifische Prüfung für Block 1 des AKW Cattenom an – nach meinem Stand 2027. Denn dieser Block 1 hat dann seine vierte „10-Jahresrevision“, die anderen drei Blöcke von Cattenom kommen danach, also 2028 – 2031, wenn sie jeweils ihre 40 Jahre voll haben. Cattenom soll also länger laufen als die ursprünglich angedachten 40 Jahre. Zuständig für diese Prüfung ist wahrscheinlich die Präfektur auf deren Gebiet das AKW sich befindet.

Und was machen die Landesregierungen?
Ich war am 7. Juli 2025 bei der Kreisausschuss-Sitzung in Trier. Dort informierte ein Mitarbeiter des Umweltministeriums Rheinland-Pfalz, dass Frankreich bei der Deutsch-Französischen Kommission signalisiert habe, ein grenzüberschreitendes Beteiligungsverfahren vorzusehen. Das hatten wir so erhofft und erwartet und es entspricht ja auch internationalem Recht, dass bei Vorhaben, die grenzüberschreitende Umweltauswirkungen haben können, die betroffenen Nachbar-Staaten beteiligt werden – auch eine allgemeine Öffentlichkeitsbeteiligung ist dabei möglich. Die Anrainerländer haben schon kundgetan, dass sie eine grenzüberschreitende Beteiligung an dem Verfahren der Laufzeitverlängerung für die Blöcke des Atomkraftwerk Cattenom im Rahmen der öffentlichen Anhörung (Enquête Publique) anstreben. Genau diese Beteiligung gilt es jetzt vorzubereiten. Hier sind die Regierungen des Saarlandes, von Rheinland-Pfalz und Luxemburg gefordert, sich Expertise einzuholen, um dann möglichst gemeinsam deutlich zu machen, warum ein Weiterbetrieb von Cattenom zu gefährlich und letztendlich inakzeptabel ist.

Was kann man sich von so einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) erhoffen?
Ich denke, es sollte alles für eine Stilllegung Cattenoms versucht werden. Das ist schwierig, aber es ist einen Versuch wert, denn es gab wesentliche Änderungen der Rahmenbedingungen. Die würden mit einer Umweltverträglichkeitsprüfung endlich auf den Tisch kommen, konkret drei Punkte:

  1. Das Uran, aus dem der Brennstoff für die AKW geliefert wird, stammt aus weit entfernten Ländern mit menschenrechtlich fragwürdigen Zuständen beim Uranabbau – zum größten Teil auch in Kooperation mit Putins russischer Atomfirma Rosatom, die doch eigentlich sanktioniert werden müsste. Generell hinterlässt der Uranabbau verseuchte Gebiete und kranke Menschen vor allem innerhalb der indigenen Bevölkerung. Und was viele übersehen: Uran ist endlich wie alle fossilen Brennstoffe und die Förderung geht mit CO-2-Emissionen einher.
  2. Atomkraftwerke sind klimawandel-anfällig, sie werden immer unzuverlässiger und störfallanfälliger und benötigen aus eh schon zu warmen Flüssen wie der Mosel massenhaft Wasser zur Kühlung – jährlich rund 890 Millionen Kubikmeter. In Hitzesommern werden sogar zusätzlich Warmwassereinleitungen erlaubt, die Folge: eine thermische Überhitzung der Kühlflüsse und eine weitere Verschärfung der ökologischen Probleme und letztendlich Not-Abschaltungen aufgrund der Kühlungsdefizite.
  3. Atomkraftwerke sind potenzielle Kriegsziele – siehe Ukraine. So kann gezielt ein atomarer Unfall, der täglich passieren kann, bewusst erzeugt werden. Da Cattenom nicht gegen Flugzeugabstürze oder Drohnenangriffe gewappnet ist, ist das jetzt schon eine reale Gefahr.

Von einer UVP erhoffe ich mir zudem, dass die von zu vielen verdrängte Gefahr des AKW Cattenom wieder stärker ins Bewusstsein rückt, dass also Bevölkerung und Politik auf allen Ebenen versuchen, dieser Hochrisikotechnologie nicht nur in Deutschland ein Ende zu bereiten.

Die französische Regierung wird sich wahrscheinlich nicht reinreden lassen?
Ja, es ist sicher noch ein dickes Brett zu bohren, bis Frankreich endlich umdenkt. Dabei sind die Möglichkeiten für erneuerbare Energien dort enorm gut. Die unflexible Atomkraft dagegen ist durch den Klimawandel immer unsicherer. Das sollten wir auf allen Ebenen immer wieder betonen, am besten auch, indem gemeinsame Wind- oder Solar-Projekte angestoßen werden.

Hinzukommt: Da sowohl der französische Staat wie auch sein Atomkonzern EDF hoch verschuldet sind, könnte das mit Aufklärungsarbeit sowie Druck auch aus der Bevölkerung vielleicht schneller gehen, als das viele aktuell noch glauben.

Ansonsten ist es doch vollkommen normal in einem demokratischen Europa, dass Anrainer wie das Saarland, Rheinland-Pfalz und Luxemburg sich wegen Sicherheitsbedenken melden. Denn die ganze Region, nicht nur die Bevölkerung in Frankreich, wäre bei einem größeren atomaren Unfall betroffen. Aufgrund der vorherrschenden Windrichtung würden das Saarland, Luxemburg und die Region Trier sogar am stärksten verstrahlt. Hinzu kommt, dass die mit radioaktiven Einleitungen und Abwärme belastete Mosel nach Deutschland fließt. So ist es doch nur logisch, dass es grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfungen gibt und dass sich unsere gewählten Vertreter*innen einmischen, einmischen müssen. Das entspricht zum Teil den Wahlversprechen und ist auf alle Fälle im Sinne der Pflicht zum Bevölkerungsschutz, besonders wenn atomare Katastrophen wie bei den alten Pannenmeilern von Cattenom jeden Tag wahrscheinlich werden.

Das Saarland liegt in unmittelbarer Nähe von Cattenom. Was wäre aus Deiner Sicht wichtig für die saarländische Bevölkerung und Politik?
Alle sind aufgefordert, sich zu informieren und zu engagieren. Zudem sollten endlich Beschwichtigungen und Beruhigungen unterlassen werden, dass der Katastrophenschutz sich vorbereite und auch ein größerer Unfall mit Kernschmelze zu bewältigen sei. Nein! Bei allen Anstrengungen – es wird nicht funktionieren, dass genug Menschen rechtzeitig wegkommen oder gar vorher Jodtabletten einnehmen. Es wird ein totales Chaos mit Staus entstehen, viele Menschen werden direkt oder an Folgeschäden leiden oder sterben und große Teile des Saarlandes könnten bei einem GAU unbewohnbar werden. Was man aus Tschernobyl und Fukushima lernen kann, ist alles für eine Stilllegung von Cattenom zu tun.

Was ist Dir noch wichtig zu sagen?
Die Argumente der Betreiber für einen Weiterbetrieb von Cattenom sind widerlegt und die Versorgungssicherheit ist laut der offiziellen, von den Regierungen in Luxemburg, Rheinland-Pfalz und im Saarland beauftragten Studie Consentec von 2021 auch ohne Cattenom gesichert. Die Finanzlage des Betreibers EDF ist desaströs, und die Anlage ist wehrlos gegen die neuen Bedrohungen durch Klimawandel und gezielte Angriffe. Es gilt also, dass sich jetzt alle auf allen Ebenen aktiv gegen den Weiterbetrieb Cattenoms engagieren. Und da setzt unsere Kampagne an. Wir freuen uns über Beteiligung und Unterstützung unserer Petition auf: https://stop-cattenom.de

Weitere Informationen zur Stopp-Cattenom-Kampagne und zum AntiAtomNetz Trier: www.antiatomnetz-trier.de